Böses gedeiht auch, wo kein Mangel herrscht
Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 02.02.2009
"Für mich ist das ein großes Abenteuer", sagt Thomas Stuber, Regie-Student an der Ludwigsburger Filmakademie, und meint seinen 60-minütigen Vordiplom-Film "Teenage Angst", der 2008 auf der Berlinale lief, einige Preise gewonnen hat und nun mit Hilfe der MFG-Filmförderung ins Kino gekommen ist.
Nicht alltäglich für einen Studenten-Kurzspielfilm, die selten ein Forum bekommen, obwohl viele es verdient hätten. Stuber zeigt vier Wohlstandsjüngelchen im Elite-Internat, die alles haben und denen deshalb ein Ziel fehlt. Sie üben sich auf perfide kultivierte Art in Machtspielen, die in demütigende Gewalt gipfeln. Der Pseudo-Intellektuelle Dyrbusch stachelt an, der rohe Bogatsch führt aus, der Neuling Stürmer läuft mit, und der sanfte von Leibnitz wird selbst zum Opfer des leeren Zorns, als er aufbegehrt.
Klug gesetzte Kameraperspektiven verstärken das Gefühl latenter Bedrohung, und bald wird klar: Nicht das Internat ist das Thema, sondern "etwas Grundsätzliches, Archaisches, das im Menschen angelegt und ein eher männliches Problem zu sein scheint", wie es der Regisseur selbst ausdrückt. "Diese Leute kennen von Geburt an keinen Mangel, denen geht es um Macht und ums Gewinnenwollen um jeden Preis. Die setzen sich über alles hinweg und kommen natürlich umgeschoren davon, genauso wie es später sein wird, wenn sie Konzernchefs und Spitzenfunktionäre geworden sind - das ist unheimlich, das wollte ich zeigen."
Die gezeigten Gewaltreflexe mögen nicht neu sein, die Umstände hingegen schon. "Das sind Kinder des Neoliberalismus", sagt Stuber, "die Werte haben sich geändert. Der Begriff Opfer wird heute als Beleidigung verwendet, und die Gesellschaft nimmt hin, dass die Mittel immer härter werden." Stuber betont aber, er wolle nicht "Adelssprösslinge an den Pranger stellen, aber das Thema vom Migrantionshinterhof wegholen, wo alle sagen: Klar, das ist ein Problem der Bildung, der sozialen Schicht, mangelnder Integration. Das trägt sicher alles zur Gewalt bei, genügt aber nicht als Antwort." Das Versagen der Pädagogik, im Film dargestellt an der Ungerührtheit eines Vertrauenslehrers, ist für ihn nur folgerichtig: "Einerseits werden alte Werte gepredigt und gepflegt, zugleich gibt man sich liberal, offen und modern, wie es die Zeit verlangt. Beides hat seine Berechtigung, ist aber nicht vereinbar."
Nun arbeitet Stuber an seinem Diplomfilm, wieder mit Kommilitonen aus dem Netzwerk, das er an der Filmakademie aufgebaut hat. Allerdings zieht es ihn fort, wie so viele Ludwigsburger Absolventen: "Wir schöpfen aus unserer Biografie, und ich will jetzt in meiner Heimatstadt Leipzig drehen", sagt Stuber, "eine Geschichte über Jugendliche in der gesellschaftlichen Verwirrung nach der Wende und die Tragödien, die sich daraus entspinnen." Liebesgeschichte und Film noir soll das Werk werden, das den Arbeitstitel "Leipzig 91" trägt - "aber nicht stereotyp mit Skurrilitäten und Rückständigkeiten des Ostens, sondern als großes Panorama". Diesmal dreht er 90 Minuten, und es wäre kein Wunder, wenn Thomas Stuber damit ein ganz regulärer Filmstart gelänge.
Bernd Haasis







