„Die Mitläufer überwiegen“
Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 02.02.2009
Regisseur Thomas Stuber beschreibt mit „Teenage Angst“ den kurzen Weg von Langeweile zu hemmungsloser Gewalt. Im Interview spricht er über den Mitläufer in uns allen und warum er den Zuschauer gerne leiden lässt. Von FOCUS-Redakteurin Sandra Zistl
Regisseur Thomas Stuber macht kein Popcorn-KinoVerzicht, Moral, Disziplin – alles „Bullshit“, findet Dyrbusch, einer von vier Protagonisten in Thomas Stubers Kino-Langfilmdebüt „Teenage Angst“. Gemeinsam mit Bogatsch, einem Möchtegern-Frauenverführer, dem adeligen Spross von Leipnitz und dem Normalo-Reichensohn Stürmer besucht er ein Elite-Internat in einer idyllischen, abgelegenen Ecke Sachsens.
Die potenziellen Führungskräfte von morgen fühlen sich von ihren Eltern „abgeparkt am Arsch der Welt“ und verwandeln eine Datscha im Wald zum Versuchslabor, in dem sie der „Kinderkacke“ des Internats abschwören.
Wie weit kann man gehen? Wie sehr lassen Menschen sich erniedrigen, wenn sie dazugehören wollen? FOCUS Online sprach mit Regisseur Thomas Stuber über die Hintergründe seines Films, Schachzüge und darüber, warum man „Teenage Angst“ nicht gemütlich bei Popcorn ansehen kann.
FOCUS Online: In den 90-ern wurde in den USA der Begriff der „Teenage Angst“ geprägt und sogar von Bands besungen. Wie würden Sie das Gefühl beschreiben?
Thomas Stuber: „Teenage Angst“ als Filmtitel sollte man nicht zu ernst nehmen. Aber als Gefühl betrifft es eine ganze Generation, meine Generation. Ihr fehlt der Widerstand. Früher gab es die Eltern, gegen die man sein, die man hassen konnte, das Land, gegen das man sich auflehnen konnte, es gab den Vietnamkrieg. Das sind Dinge, die in meiner Generation keine Rolle mehr spielen. Durch diese Reibung entstand damals eine Kraft zur Veränderung – politisch und künstlerisch. Dieser Sinn durch Widerstand ist heute weg. Eine Leere entsteht und die macht Angst.
FOCUS Online: Hat die „Teenage Angst“ Ihnen selbst zu schaffen gemacht?
Stuber: Verstanden als diese Leere: ja. Das fühle ich auch immer noch.
FOCUS Online: Geht es Ihnen in Ihrem aktuellen Film mehr um eine gesamtgesellschaftliche Studie der Gewalt in abgeschirmten Räumen oder ein Problem unserer Jugend?
Stuber: Als Filmemacher lasse ich mich inspirieren. Ich beobachte, wozu Menschen fähig sind. Interessant wird es gerade in einer Situation wie im Film, in der es keinen Mangel gibt, vielmehr ein großes Selbstbewusstsein und Elite-Denken. Mich interessieren besonders die Jugendlichen.
FOCUS Online: Was treibt Leute wie Dyrbusch an, einen der beiden Anstifter im Film?
Stuber: Es handelt sich um grundsätzliche Tendenzen. Das betrifft nicht nur die Jugend. Überspitzt formuliert: Unsere Gesellschaft verliert ihre Normen. Es gibt weniger Vorbehalte gegenüber Gewalt, auch Gewalt im übertragenen Sinne. Jemanden übers Ohr zu hauen ist „in“. Die Jugend macht das neoliberale Handeln einfach nach, das Prinzip, dass man immer auf der Gewinnerseite sein muss. So wurde auch das Wort „Opfer“ in bestimmten Kreisen zu einer Beleidigung.
FOCUS Online: Gab es einen konkreten Anlass für die Filmidee?
Stuber: Klar, man muss ja nur wahllos die Zeitung aufschlagen. Jeder von uns kennt solche Situationen und Auswüchse, sei es als Akteur oder Beobachter in der Straßenbahn. Ich hab natürlich viel gelesen zum Thema. Hinzu kommen Vorfälle wie 2004 in Coesfeld, wo Bundeswehrrekruten von ihren Ausbildern gequält wurden, oder der Foltermord an einem 17-jährigen Häftling in Siegburg Ende 2006.
„Die Mitläufer überwiegen“
FOCUS Online: Die vier Protagonisten in „Teenage Angst“ stammen aus reichen Familien und besuchen ein Elite-Internat, das sie zu CEOs von morgen drillen soll. Wieso haben Sie das Ganze in dem Elite-Kontext angesiedelt?
Stuber: Es ist zu einfach, das Problem jugendlicher Gewalt immer auf dem Neuköllner Hinterhof zu verorten. Ein problematisches, prekäres Umfeld ist keinesfalls zu unterschätzen. Aber es gibt unterschiedlichste Katalysatoren, darunter auch der Elite-Gedanke und die Devise „Macht zählt“.
Deshalb der Schachzug, die Geschichte in eine scheinbar schöne Welt zu packen und die Perversitäten dahinter aufzudecken.
FOCUS Online: Könnten auch die Schüler eines Elite-Internats zu U-Bahn-Schlägern werden?
Stuber: Warum denn nicht? Der einzig vorstellbare Grund wäre, weil sie nicht mit der U-Bahn fahren würden. Es geht mir nicht darum, die Elite an den Pranger zu stellen. Ich lasse mich inspirieren und mache daraus einen Film.
FOCUS Online: Das Opfer wird erst dadurch zu einem, dass es Zivilcourage zeigt. Wieso lässt die Figur sich dann demütigen?
Stuber: Die Normen innerhalb der Clique haben sich schon so sehr verdreht, dass, wenn einer aufbegehrt, ihm das sofort als moralischer Fehler ausgelegt wird. Dafür erwartet ihn die „gerechte Strafe“. Er erträgt es, weil er dazugehören möchte. Daneben steht die kleine, ungeheuerliche Frage: Gefällt ihm das sogar an manchen Punkten?
FOCUS Online: Wie viel Mitschuld tragen die Pädagogen im Film, die nicht viel mehr zu bieten haben als ein ewiges Predigen der Ideale Disziplin, Verzicht, Anstand?
Stuber: Es besteht eine große Diskrepanz. Einerseits werden alte, konservative Werte wie Disziplin und Ordnung, die lange funktionierten, gepflegt. Gleichzeitig will man modern, liberal, offen sein. Aus diesen beiden unvereinbaren Polen entspringt Hilflosigkeit.
FOCUS Online: Die Gruppe besteht aus zwei „Alphamännchen“, einem Mitläufer und dem Opfer. Warum erzählen Sie die Geschichte aus der Perspektive des Mitläufers?
Stuber: Wir beobachten die Figuren in dieser scheinbar schönen Welt ohne Mangel. Sie wandeln sich nicht, was den Film so, ja, fast nicht zum Aushalten macht. Nur bei Konstantin, dem Mitläufer, findet ein kleiner Wandel statt. Anfangs macht er euphorisch mit, sieht dann ungläubig zu, bis ihn die Ereignisse schließlich abstoßen und anekeln. Bei diesem Adoleszenten passiert ein ganz schwieriges Erwachen seines Bewusstseins bis hin zu ein wenig Zivilcourage. Er ist in dieser ganzen perversen Welt aus Gewinnern und Machtspielen der Spross, der Hoffnung gibt. Auch wenn wir uns das nicht eingestehen wollen: Er ist uns allen am nächsten.
FOCUS Online: Als Zuschauer erträgt man kaum, Konstantin dabei zuzusehen, wie er zusieht.
Stuber: Darum geht es. Der Zuschauer soll sich entwickeln. Er soll abgestoßen sein. Bei mir geht man nicht erleichtert aus dem Kino, ich liefere kein gutes Gefühl. Wir sind ständig in Büchern und Filmen von Helden umgeben. In der Realität überwiegt aber der Mitläufer.







