Moral ist uncool - Ein Spielfilm zeigt Machtspiele im Eliteinternat
Berliner Zeitung, 29.1.2009
Opfer, Täter, Mitläufer, Ideologe. Das sind die vier Archetypen der Diktatur. Robert Musil hat sie in seinem Roman "Die Verwirrungen des Zögling Törleß" auf vier heranwachsende Internatsschüler verteilt. Schauplatz sind die Mauern einer militärischen Kadettenanstalt, wie sie Musil selbst besucht hat. Ein Jahrhundert des Totalitarismus ist seit dem Erscheinen des Romans im Jahr 1906 vergangen, aber der Stoff hat nichts von seiner Dringlichkeit verloren. "Teenage Angst", der erste lange Spielfilme des 1981 geborenen Regisseurs Thomas Stuber, wagt dabei einen besonders eigenwilligen, stilsicheren Zugriff auf den Klassiker.
Musil ist nur noch ein Echo aus weiter Ferne, die Zeiten sind aliterarisch. Statt Kant zu lesen und mit philosophischem Stückwerk herumzuprotzen, koksen sich die vier zeitgenössischen Elite-Zöglinge in Allmachtsfantasien hinein und geben kaum mehr als stupiden Sozialdarwinismus zum besten. Ihre Eltern sind reich und haben sie unter dem Vorwand exzellenter Ausbildung ins Internat abgeschoben. "Von den Eltern abgeparkt am Arsch der Welt", so nennt es der Wortführer der Vierer-Bande.
Stuber übernahm die Grundkonstellation der Figuren aus Musils Roman: vier junge Schnösel, unter denen sich einer zum Opfer machen lässt. Stuber fand dafür vier bis zur Ekelgrenze brillante junge Schauspieler. Den gewalttätigen Anführer Bogatsch (Michael Ginsburg), seinen pseudo-intellektuellen Adlatus Drybusch (Niklas Kohrt), den zugleich faszinierten wie abgestoßenen Zuschauer Stürmer (Franz Dinda) und das ephebenhafte Opfer, den schönen Prinzen von Leibnitz (Janusz Kocaj), der am Ende wider Willen selbst zum Täter wird. Ein selbstgefälliger, längst in seiner Vergangenheit erstarrter Lehrer kreist als ewige Randfigur um die bösen Buben, ohne auch nur einen Hauch von Ahnung und Kompetenz. Falsche Kumpelhaftigkeit lässt ihn die Not des gequälten Jungen nicht rechtzeitig spüren, er nennt sich Mentor und hat nichts weiter in der Hand als die Apparate für seine Drogen- und Alkoholtests. Michael Schweighöfer spielt ihn als abgehalfterten Schwätzer mit Bohème-Vergangenheit: ein Renegat, der sich von denen bezahlen lässt, die er früher bekämpft hat.
Die Eskalation der Gruppendynamik wird aus der Sicht des voyeuristischen Stürmer geschildert. Er entspricht in seiner Passivität dem Zögling Törleß, allerdings ohne dessen Wissensdrang und Rückbindung an ein anderes Wertesystem. Hier gibt es keine Briefwechsel mit den Eltern; die Familie dieser Ausgelagerten ist die Gruppe, die sich längst ein Satellitendasein außerhalb des Internats aufgebaut hat. In einer Wochenendhütte im Wald geben sie sich ihren Exzessen hin, der Lust an der absoluten Kontrolle über andere. Eine junge Kellnerin wird ihr erstes Objekt der Demütigung, bevor sie sich einen aus den eigenen Reihen gefügig machen.
Stuber breitet seinen Laborversuch ohne Nebenhandlungen aus, er inszeniert Blickwechsel als Kampfszenen, er stellt die Gewalt nicht aus, sondern verlässt sich auf skizzenhaften Andeutungen, auf das Beobachten aus der Distanz. Rückenansichten, der Blick über die Schulter, durch halbgeöffnete Türen hindurch halten das Geschehen in der Schwebe zwischen Sichtbarem und Verborgenem und machen es dadurch umso monströser.
Der Schauplatz scheint einer der frühen Musil'schen Novellen entnommen: eine Burg umschlossen von Flüssen und Wäldern. In seiner Exzentrik ein wenig dick aufgetragen, aber wiederum treffsicher im Ambiente, mit dem sich die jungen Herren umgeben. Von wegen Anstalts-Zellen - sie lümmeln auf Designer-Kanapees, ihre Buden gleichen den schicken Garderoben von Fotostudios, Gemächer narzisstischer Selbstinszenierung.
"Teenage Angst" war ein in den 1990ern in den USA in Mode gekommener Ausdruck für den blasierten Weltekel, die ewige Krankheit der Jugend. Thomas Stuber liefert mit seinem Film eine ungeheuer dichte Studie über einen Zustand, der keinen Grund zur Hoffnung gibt. Denn im Unterschied zu Musils Roman löst sich die fast tödlich verlaufende Verwirrung nicht auf. Sie verebbt in Gleichgültigkeit. Die beiden Haupttäter verschwinden in der Schülermenge. Zehn, fünfzehn Jahre später werden sie sich "Entscheidungsträger" nennen.







